//Arbeit im Startup: Das ehrliche Urteil einer alleinerziehenden Mutter zum Homeoffice

Arbeit im Startup: Das ehrliche Urteil einer alleinerziehenden Mutter zum Homeoffice

Die Arbeit im Homeoffice mit Kindern kann zur Belastung für alle werden.

Arbeiten im Startup – damit verbinden viele Menschen kostenlosen Kaffee und volle Obstkörbe bei niedrigem Gehalt und mindestens ausbaufähigen Arbeitsbedingungen. Was ist dran an diesem Bild?Josefine Botha ist Head of HR bei der Camper-Sharing-Plattform Paulcamper und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Für Gründerszene hat sie aufgeschrieben, wie sie die letzten Corona-Wochen erlebt hat. Mehr vom Startup-Alltag im Realitätscheck gibt es hier.  

„Mama, ich hab Huuuuuuunger!!!“ schreit mir meine 6-Jährige von der Seite ins Ohr. Ich stelle mein Mikrofon auf stumm, aber zu spät – meine Kollegen gucken mich bereits belustigt und mitleidig über den Bildschirm an. „Mama, ich kapier das nicht! Das geht gar nicht!“ schluchzt meine 8-Jährige laut los, die mir gegenüber am Esstisch sitzt und ihre Hausaufgaben erledigt.

Ich versuche angestrengt meinen Kollegen in unserem wöchentlichen Leadership-Update-Meeting zu folgen. Welches unserer Projektteams hatte jetzt die guten Testergebnisse erzielt? Was hatten die Investoren gestern gesagt? So und so ähnlich sahen in letzter Zeit viele meiner Arbeitstage im Homeoffice aus. Es ist der verzwickte Versuch, als alleinerziehende Mutter meinem Beruf nachzugehen und zeitgleich Köchin, Erzieherin, Lehrerin, Reinigungskraft und ganz nebenbei Mutter zu sein.

Existenz der Firma stand auf dem Spiel

Auch auf der Arbeit ist seit Wochen mein voller Einsatz gefragt. Unsere Umsätze brachen durch die plötzlichen deutschlandweiten Reisebeschränkungen komplett ein. Dafür stiegen die Anzahl der Stornierungen extrem an. Unsere unternehmerische Existenz stand auf dem Spiel. Wir mussten unsere betrieblichen Kosten radikal reduzieren und innerhalb kürzester Zeit für einen Großteil der Mitarbeiter Kurzarbeit einführen. Von einigen wenigen Mitarbeitern mussten wir uns leider trennen.


„50 Prozent der Firmen werden draufgehen, wenn die Regierung nicht umsteuert“

Carsten Maschmeyer:

„50 Prozent der Firmen werden draufgehen, wenn die Regierung nicht umsteuert“

Der Staat soll einspringen, wenn Startups in der Krise Kredite nicht bedienen können, fordert Carsten Maschmeyer. Sonst befürchtet der Investor ein „Pleite- und Arbeitslosigkeitsvirus“.

Das war hoch emotional und belastend, besonders natürlich für die Betroffen. Alle Entscheidungen, Änderungen und unsere angepasste Strategie mussten wir transparent, zeitnah und verständlich kommunizieren. Als Startup in der Reisebranche müssen wir nun besonders gut haushalten und uns auf eine längere Durststrecke einstellen, um es gut durch diese Krise zu schaffen. Unser Team hat der Kurzarbeit mit großem Verständnis zugestimmt. Wir im Management verzichten während dieser Ausnahmesituation auf 25 Prozent unseres Gehaltes, um so ein Zeichen zu setzen.

Pläne über den Haufen geworfen

Wenige Tage vor dem Lockdown sind wir in unser neues Büro umgezogen. Das heißt, es gab jeden Tag noch Dinge mit der Bauleitung zu besprechen und nicht alle Möbellieferungen waren schon im neuen Büro eingetroffen. Und natürlich musste ausgerechnet der 6. Geburtstag meiner jüngeren Tochter mitten in diesen stressigen Ausnahmezustand fallen. In den Osterferien hatten wir eigentlich geplant, die Großeltern und Freunde in Südafrika besuchen. Auch dieser Traum war geplatzt.

Doch jetzt nach fünf Wochen hat sich die Lage entspannt und wir haben endlich eine neue Routine gefunden: Wir joggen morgens ein paar Runden durch den Park oder machen Yoga im Wohnzimmer. Die Kinder tanzen nach den Videos, die ihre Tanzschule fast täglich bei Youtube hochlädt. Nach dem Frühstück geht es ans Arbeiten und an die Schulaufgaben. Die Kleine beschäftigt sich in der Zeit selbst. Nach der Mittagspause und nachdem ich einen Blick auf die gemachten Schulaufgaben geworfen habe, geht es für mich zurück an den Schreibtisch. Die Kinder beschäftigen sich dann in der Regel gut alleine. Nur wenn es Streit gibt, stehen sie plötzlich auf der Matte. Spätestens um 17 Uhr versuche ich den Laptop zuzuklappen. Abends fallen wir dann relativ zeitig, meistens komplett ausgepowert und zufrieden ins Bett.

Mit Humor und Toleranz durch die Krise

Unser Fazit ist: Uns geht es gut. Wir sind gesund. Wir haben eine Wohnung, Essen, Bücher, Spielzeug, Internet. Niemanden, den wir näher kennen, ist an Covid-19 erkrankt. Unser Gesundheitssystem scheint gerüstet und unsere Politiker reagieren besonnen. Wir können uns trotz allem relativ frei bewegen. Die Spielplätze sind zwar zu, aber dafür haben wir in den letzten Wochen viele Parks, Seen und Wälder in und um Berlin erkundet. Wir sind als Familie nochmal mehr zusammengewachsen.

Uns fehlen meine Eltern und unsere Freunde und wir freuen uns schon sehr auf das erste persönliche Wiedersehen. So lange muss eben Facetime herhalten.

Ich finde es toll, wie meine Kollegen die Unterbrechungen durch meine Kinder mit Humor nehmen und Verständnis zeigen. Ich glaube, in dieser Situation müssen wir uns einfach in Toleranz und Nachsicht üben, uns gegenseitig unterstützen. Nur dann schaffen es Familien einigermaßen unbeschadet durch diesen Corona-Wahnsinn. Vielleicht sind wir danach sogar stärker als zuvor.

Bild: Getty Images / Teresa Short